Eine erweiterte Sicht auf St. Martin

El Greco

El Greco

Die nachfolgende Predigt ist von meiner Freundin Dr. Gabriele Kieser, Seelsorgerin an der UPK Basel. Die darin geäußerten Gedanken haben mich sehr angesprochen. Ich fand es sehr interessant, wie man die Legende vom heiligen Martin noch betrachten kann und wieviel Trost in dieser Sichtweise liegt. Ich habe sie daher um Erlaubnis gefragt, den Text in meinem Blog zu veröffentlichen. Vielen Dank an Gabriele, dass ich ihre Predigt mit Euch teilen kann. 

Predigt St. Martin 

„Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?“

Liebe Mitmenschen,

die Legende vom Heiligen Martin, den wir heute feiern in diesem Gottesdienst, illustriert dieses Evangelium auf eindrückliche Weise, es ist wie der „Film zum Buch“, den wir da vor uns sehen:

In der „Heiligen-Legende“ wird das so geschildert: „An einem frostigen Winterabend ritt Martin auf der Lyoner Landstrasse Amiens zu, wo sich ein grosses Truppenlager befand. Am Tore sprach ihn ein halbnackter Bettler an. Martin hatte keine Münze bei sich. Der frostzitternde Alte erbarmte ihn aber so, dass er in jugendlicher Unbekümmertheit seinen Offiziersmantel mit dem Schwert teilte und die eine Hälfte dem Armen zuwarf. In der folgenden Nacht sah er Christus mit dem abgetrennten Mantelstück bekleidet zwischen die Engel treten. Auf ihr verwundertes Fragen antwortete der Herr: ‚Martinus, der erst auf dem Weg zur Taufe ist, hat mich mit diesem Mantel bekleidet!‘“

Wir sind es gewohnt, diese Geschichte als Aufruf zu hören, es dem Heiligen Martin nachzutun und zu teilen. Und das ist sicher richtig und wichtig, das Evangelium sagt es uns deutlich!

Vielleicht kommt dabei aber manchmal das Staunen zu kurz: Warum sind der Bettler und Christus eins? Das „Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan“ ist ja offensichtlich nicht nur im übertragenden Sinne zu verstehen, nein, es GESCHIEHT Christus, er trägt den Mantel und selbst die Engel wundern sich.

Warum sind der Bettler und Christus eins? Es ist eine Frage, deren Antwort ein Leben lang einzuholen bleibt, vor allem, wenn wir uns für einmal nicht in der Rolle des Gebenden sehen, sondern des Bettlers, des Bedürftigen schlechthin.

Dass die Grossen mit Gott gleich gesetzt werden, das gab es immer und gibt es noch: Früher die mächtigen Kaiser, heute eher Fussballer und Tennisspieler.

Bei Wikipedia finde ich bei „Fussballgott“: „Bezieht sich auf Spieler, die, nach Einschätzung durch Sportreporter oder das Publikum, ‚Göttern gleich Fußball zu spielen vermögen‘, ‚denen auf dem Platz alles gelingt‘.“

Und zum Tennisgott: Letztes Jahr titelte der „Tagesanzeiger“ nach Federers Sieg in Wimbledon: „Der letzte Schritt zum Tennisgott: Nun kann keiner mehr bestreiten, dass Roger Federer der grösste Tennisspieler der Geschichte ist. Die Zahlen und die Brillanz des Schweizers sprechen eine eindeutige Sprache.“

Macht, Können, Gelingen, Siege, Brillanz. Da liegt uns „Gott“ leicht auf der Zunge. Und wenn wir unsere eigenen Biographie nach den Momenten absuchen, in den wir selbst irgendetwas davon gespürt haben, dann fühlten wir uns vielleicht gerade da Gott sehr nahe, von Gott getragen, von Gottes Kraft erfüllt.

Aber angesichts meiner Bedürftigkeit, wenn ich mir selbst nicht mehr zu helfen weiss? Wenn jeder Tag eine Herausforderung ist und ich mich fühle wie dieser frostzitternde Bettler in Martins Geschichte? Dann bin ich mit dem Gottessohn eins? Dann ist meine Haut seine Haut? Dann leidet er, hofft und empfängt – in mir? – Schwer zu glauben! Wirklich schwer zu glauben!

Beim Glauben helfen können uns in solchen Momenten die anderen, die uns mit Liebe beistehen und begleiten. Die Wärme in ihren Augen, ihre Geduld, ihr Wohlwollen. Bei Martin nannte man es noch „Güte“, ein Wort, das aus der Mode gekommen ist, weil es mehr mit „von oben herab“ verbunden wurde als mit „von Herzen gern“. Und doch finde ich das Wort anziehend: Güte.

Ich habe Männer und Frauen im Laufe meines Lebens getroffen, für die dieses Wort passt. Gerne denke ich an sie! Und ich wünsche mir Güte in meinen Augen und Ohren, in meinen Worten und Taten. – Güte.

Und ich wünsche mir, dass ich den frostfrierenden Bettler nicht vergesse, wenn ich mich selbst so fühle wie er, und Christus mit seinem abgetrennten Mantelstück bekleidet bei den verwunderten Engeln. Und dass ich dieses Einssein dann suche zwischen dem Bettler, der ich bin, und Christus. Und dass ich glauben lerne.

Amen.

 

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