Vom Umgang mit dem Leid

Helgi / photocase.com

Die Predigt von Thorsten Hoffmann, Pastoralreferent der Pfarrei Losheim, die er am 3. Fastensonntag in unserer Kirche hielt, ist von so universeller Anwendbarkeit, dass ich euch ihren Kern nicht vorenthalten will. Das Grundthema der diesjährigen Fastenpredigten ist das Buch Hiob. Thorsten Hoffmann griff sich den Aspekt des Umgangs mit dem Leid heraus. Er begann seine Predigt mit der Geschichte eines Jungen aus seiner Gemeinde, der ihn um Rat bat, wie er seinem Freund zur Seite stehen könnte, dessen Vater gestorben war.

Anhand der 3 Freunde des Hiob, die jeder eine andere Verhaltensweise an den Tag legen, um Hiob zu „trösten“, entschlüsselte uns Thorsten Hoffmann im 1. Teil seiner Predigt, wie man es nicht macht.

Der erste Freund des Hiob, Zofar, sparte nicht mit guten Ratschlägen, was jetzt zu tun sei und wie Hiob mit dem Leid umzugehen hätte. Und genauso ist es doch auch bei uns. Wie oft wissen wir, was für den anderen in seinem Leid jetzt gut wäre. „Du musst dich ablenken“ , „geh wieder unter Leute“ oder „Du musst dieses Medikament nehmen, das wirkt Wunder“. An Patentrezepten, was dem anderen jetzt helfen würde, mangelt es uns selten

Der zweite Freund, Elifas, breitet sein Wissen vor Hiob aus. Vom hohen Ross herab erklärt er Hiob den Sinn des Leidens und redet über das was passiert, statt mit demjenigen zu reden, dem es passiert ist, mit seinem Freund. Auch dabei hat sich der ein oder andere bestimmt schon ertappt. Berauscht vom eigenen Wissen, denjenigen, dem man helfen wollte, aus den Augen zu verlieren und gar nicht zu merken, wie sehr man sich entfernt.

Der dritte Freund nun, Bildad, wusste, dass das Leid Hiob nicht getroffen hätte, wenn er nicht durch sein Tun selbiges auf sich herab beschworen hätte. Und auch hier können wir uns doch wiedererkennen, in Sprüchen wie: „Hätte sie sich mal um ihre Kinder gekümmert“ oder „Kein Wunder, dass er so krank ist, bei dem Übergewicht“. Das Leid der anderen und warum sie es erdulden müssen, dafür haben wir oft -viel zu- schnell eine Erklärung zur Hand.

Aber das, was ein in Trauer, Schmerz, Krankheit oder Unglück gefangener Mensch wirklich braucht, das hat keiner der 3 Freunde gegeben. Sich dem Leid in Demut zu nähern und es anzunehmen. Nicht für alles eine Erklärung parat zu haben, einen Lösungsvorschlag, sondern einfach nur für den anderen da zu sein. Ohne Vor-urteile dem anderen zuzuhören, nicht alles besser wissen. Zugeben können, dass man auch keine Antworten hat, und dass es auch in der heutigen Zeit nicht auf alles eine Antwort und eine Lösung gibt.

Sich aber als gläubiger Christ immer gewahr zu sein, dass auch und gerade im Schweigen Gott nah ist.

Der Junge hat dann übrigens seinem Freund zugehört und war für ihn da. Und für beide war es eine wundervolle Vertiefung ihrer Freundschaft.

Witzigerweise bin ich, kurz bevor ich diesen Blogbeitrag veröffentlicht habe, über diesen Blogpost gestolpert, der wunderbar hierzu passt: „Was ich nicht hören will, wenn es mir schlecht geht“

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9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich ertappe mich auch oft beim Patentrezepte-Ausstellen, obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, dass es genau das ist, was man in entsprechenden Situationen gerade nicht hören will.
    Dabei geht es aber nicht um Überheblichkeit oder Besserwisserei, sondern eher um die Suche nach einem Ausweg aus der Ausweglosigkeit.
    Leider wird Schweigen nicht nur im Umgang mit Leid sehr schnell als Schwäche und Unentschlossenheit interpretiert, dazu fallen mir Begriffe wie „nichtssagend“ oder „peinliches Schweigen“ ein.
    Aber nicht umsonst steckt im von Dir gewählten Wort Demut auch das starke Wort „Mut“!

  2. Leid ist in unserer Wahrnehmung ein böser Störfaktor: Denn es zeigt uns, dass wir mit allem Wissen und allem guten Willen Schlimmes nicht verhindern können. Und es macht uns verletzlich: Denn es kann jede(n) von uns treffen. Demut (= „Mut zum Dienen“) ist der eine Umgang mit Leid. Der andere ist ein Aufschrei: So darf es nicht bleiben.

  3. Wunderschöner Beitrag, danke dafür!
    Tatsächlich ist „einfach nur da sein“ nicht für alle Menschen selbstverständlich oder leicht. Meine Schwiegermutter etwa beginnt unmittelbar, ungewollte Ratschläge zu erteilen und von ihren eigenen Zipperlein zu erzählen. Das macht alles nur noch schlimmer. Aber sie kennt es nicht anders.

    Meine Worte an Leidende lauten meist ungefähr so: „Hier bin ich – ohne Worte für Dein Leid, denn Leiden, ja, verflixt nochmal, ist Mist. Hier ist mein Ohr, hier ist meine Schulter, hier ist mein Boxsack, hier ist mein Herz. Wann auch immer Du etwas davon brauchst, ist es da. Wenn sich Deine Bedürfnisse mittendrin ändern, sag es frei heraus und ich bin da. Wenn ich Dich in Ruhe lassen soll, respektiere ich auch das, aber gib mir ein Signal, wenn ich wieder gefragt bin.“ Genau so definiert sich in meinen Augen Freundschaft. Was wir dafür ablegen müssen, ist die Distanz.

    „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ ist hingegen m.E. Quatsch. Letzten Endes muss man doch immer allein durch – aber wie schön, zu wissen, dass man dabei begleitet und gehalten wird! In diesem Bewusstsein kann man an seinen Prüfungen wachsen und sie in sein Leben integrieren, ohne verrückt zu werden.

  4. Was für ein wichtiges Thema. Und welch Drahtseilakt dabei doch der Weg dorthin ist. Als mein Vater vor knapp 4 Jahren gestorben ist, konnte ich nicht mehr aufhören zu weinen. Es waren Schleusen die sich einfach nicht schließen wollten.

    Es gab Menschen in meinem Leben, die das nicht ausgehalten haben und es gab Menschen, die einfach nur da waren. Was für eine Wohltat, gehalten zu werden und ohne viel Worte, das Gefühl vermittelt zu bekommen, du bist nicht allein in deiner schweren Zeit. Wir können dir das alles nicht abnehmen, doch wenn es für dich kaum mehr zu tragen ist, dann tragen wir dich für ein Stück mit.

    Seit dieser Zeit habe auch ich ein anderes Bewusstsein dafür, wenn ich Menschen begegne, die Schicksalsschläge zu tragen haben. Der spontane Impuls etwas machen zu müssen, es zu erleichtern, ist oft immer noch das erste Gefühl, was sich einstellt. Doch inzwischen habe ich gelernt, es vorüberziehen zu lassen und mich einfach dem Menschen zu widmen, der gerade in meiner Nähe ist. Jemanden wirklich annehmen, ihn wirklich ansehen, ihn in all dem zu lassen, wie er gerade ist.

    Dieses Geschenk wirkt meiner Erfahrung nach in beide Richtungen. Denn wenn ich aufhöre, etwas machen zu wollen, lasse ich auch alle Anstrengungen und die Aufmerksamkeit kann sich einfach auf mein Gegenüber richten. Und dieses Dasein stärkt auch mich.

  5. liebe andrea, mit grosser freude habe ich auch diesen artikel gelesen! gratulation zu deinem mut und schande über uns alle, dass solche gedanken besonders gekennzeichnet werden müssen *achtung – religiöser beitrag*, als könnte der inhalt jemandem schaden.
    ich lese nach wie vor sehr gerne im alten und auch im neuen testament, als quelle der weisheit und auch des trostes.
    die geschichte ijobs muss man gar nicht unter dem aspekt des glaubens verstehen (wie die meisten geschichten im alten testament) – es ist ein stück zeitlose lebensweisheit über die sich zahlreiche philosophen die finger wund geschrieben haben; wenn der mensch die hoffnung verliert, dann ist er wirklich und endgültig verloren.

    das ist aber eigentlich gar nicht dein thema 🙂
    der wunsch, dem nahestehenden menschen irgendwie helfen zu wollen ist ganz legitim und es ist eine grosse herausforderung, jemanden einfach nur in den arm zu nehmen und ihm wortlos signalisieren:“ja, ich bin für dich da!“.
    ganz besonders schwierig wird es, wenn es z.b. die erwachsenen kinder betrifft. wie gerne würde ich meinen söhnen ihre „kreuze“ abnehmen und weiss, aber gleichzeitig, dass ich es nicht darf, denn sie brauchen das „leid“, um zu wachsen, um sich selbst in der welt zu erkennen.
    und vielleicht finden sie auf dem beschwerlichen weg zum hügel, sogar zu ihrem glauben.
    „die beste aller welten…….“ – laut leibnitz – muss platz haben für alles!
    für das dunkle, wie das helle und für alle farben zwischendurch.
    sollte es irgendwann eine neue schöpfung geben…..na ja, dann sollten wir sehr gut überlegen, ob wir den apfel nicht doch lieber hängen lassen 🙂

    ganz herzliche grüsse und noch einmal danke für deine immer sehr inspirierenden artikel!
    etelka

  6. Liebe Kommentatorinnen, ich bin wirklich überwältigt von euren Beiträgen. Durch eure Texte bereichert ihr den Blogpost und macht Mut wirklich den eingefahren Weg wie „man“ Menschen tröstet, verlässt. Ihr habt noch so viele wichtige Aspekte hinzugefügt und mit einer unglaublichen Offenheit aus eurem Leben erzählt, dafür danke ich euch sehr herzlich

    PS: Diesen tollen Frauen könnt ihr auch auf Twitter folgen:
    michallein: @beingmenow
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  7. Ich war grad gestern wieder in so einer Situation: Eine meiner früheren Mitarbeiterinnen ist viel zu früh gestorben. Auch ihr Mann war in einer meiner Abteilungen beschäftigt. Gestern war die Trauerfeier. Viel sagen kann man da nicht, aber ich hoffe, dass etwas von diesem „Wir sind bei Dir auch in Deinem Schmerz“ übergekommen ist. Dennoch will ich eine Lanze brechen für die 3 Freunde aus dem Buch Hiob. Was als Rechthaberei und untauglichen Erklärungsversuchen erfahren wird, ist oft ja nicht mehr als die Hilflosigkeit angesichts des Leids, das einen nicht kalt läßt. Immerhin wenden sich die Freunde ja nicht ignorant ab. Sie setzen sich der Erfahrung des Leids aus und versuchen irgendwie damit umzugehen. Im Zusammenhang des Buchs Hiob zeigt das aber nur umso deutlicher, dass man auch umgeben von durchaus wohlmeinenden Freunden im Leid noch weiter verletzt werden kann. Insofern bleibt in der Tat nur die Erfahrung, dass man im Leid letztlich wirklich allein auf die Begegnung mit Gott verwiesen ist.

  8. @Regina Görner auch Ihnen vielen Dank für die Offenheit und für diese Sicht auf die Freunde Hiobs.

    @Alle Es tut sehr gut, so viele vertiefende Kommentare auf diesen Blogpost zu bekommen, von dem ich mir sehr lange überlegt habe, ob ich überhaupt den Mut besitze, ihn zu veröffentlichen. Der starke Zugriff auf mein Blog in den letzten Tagen und die Kommentare zeigen mir, wie wichtig dieses Thema ist.

    Es wäre auch schön, wenn es dem ein oder anderen zeigen könnte, das Kirche nicht nur an Weihnachten ein das Leben bereichernder Ort sein kann. In Eppelborn kann man so gute Predigten übrigens jede Woche hören 🙂

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