Ein etwas anderer Urlaub

Die einen fahren in ihrem Urlaub in einen Ferienclub ans Meer, andere in ein Häuschen in den Bergen, mancher bucht eine Kreuzfahrt, wieder andere machen vielleicht eine Städtereise. Ich habe mich in diesem Jahr entschlossen in meinem Urlaub wandern zu gehen. In die wunderschöne Schweiz, mit einer Gruppe  und mit einem geübten Bergführer. Da dieser Blogpost in der Rubrik: Glaubenssache erscheint, könnt ihr euch aber sicher schon denken, dass dieser Wanderurlaub vielleicht etwas von der Norm abgewichen ist.

Ich hatte mich nämlich nicht für eine gewöhnliche Wanderwoche angemeldet, sondern für ignatianische Wanderexerzitien, was bedeutet, dass die Wanderungen und der ganze restliche Tag im Schweigen stattfand, der Wanderführer ein Jesuit war und die Herberge ein Exerzitienhaus der Jesuiten.

Aus der Beschreibung der Wanderexerzitien :

Wanderexerzitien
…sind eine besinnliche Aus-Zeit, bei der wesentliche Dinge wieder neu eingeübt werden: das Ruhigwerden, das Gegenwärtig sein, das Horchen auf die Stille, die innere und äußere Aufmerksamkeit beim Innehalten und beim Gehen in der Natur, das Hören auf die innere Stimme und auf das Wort Gottes, das Beten und Meditieren.

Exerzitien (lat. exercere = üben) wollen mit „geistlichen Übungen“ dazu anleiten, wie jemand Gottes Gegenwart erfahren und daraus Kraft, Orientierung und eine neue Freiheit gewinnen kann für sein tägliches Leben und für den Einsatz in der Welt.

Die Wahl dieses „Urlaubsthemas“ stellte sich als goldrichtig heraus. Bruno Brantschen SJ, der Leiter unserer Wanderexerzitien, hat unsere Gruppe wunderbar geführt, sowohl auf den irdischen als auch auf den geistigen Wegen und das Exerzitienhaus Notre-Dame de la Route ist zwar mit Etagendusche und -toilette, vielleicht nicht die komfortabelste Unterkunft, macht das aber durch die ganz besondere Atmosphäre mehr als wett.

Schweigeexerzitien also. Schweigen, ich! Ich, die ich, vielleicht schon berufsbedingt, den ganzen Tag am quasseln bin und vor der kein soziales Netzwerk sicher ist, um auch dort noch von mir hören zu lassen. Ich gehe also sehenden Auges (bzw. geschlossenen Mundes) das Experiment ein, ganze 7 Tage am Stück zu schweigen.

Von meinen 18 MitexerzitantInnen weiß ich kaum mehr als den Namen. Keine große Vorstellungsrunde mit ausschweifenden Erklärungen. Ob ich nach den 7 Tagen mehr weiß? Immerhin sprechen wir nicht miteinander.

Morgens: Schweigen

Der Tag hat eine klare Struktur. Vor dem Frühstück treffen wir uns zur Morgenmeditation. Das Lied: „Schweige und höre“, im Kanon gesungen, gibt die Richtung vor. (Singen und Beten sind natürlich vom Schweigegebot ausgenommen.) So wie das „Schweige und höre“, lerne ich in den nächsten Tagen noch sehr viele schöne geistliche Lieder kennen, bei denen man etlichen meiner Kollegen anmerkt, dass dies nicht ihre ersten Exerzitien sind. Einige kommen schon seit mehr als 20 Jahren an diesen Ort.

Nach der Morgenmeditation dann die erste Nagelprobe. Frühstück im kompletten Schweigen. Un-gewohnt aber nicht un-angenehm. Für mich sogar sehr positiv, so muss ich nicht jeden Morgen den wechselnden Tischnachbarn aufs Neue erklären, warum ich denn nicht frühstücke (weil ich noch nie gerne gefrühstückt habe, schon als Kind nicht), und mich belehren lassen, dass man so eine anstrengende Wanderung nicht mit leeren Magen beginnen kann (doch man kann, wie ich an 6 Tagen hintereinander bewiesen habe).

Wandern: Im Schweigen

Danach geht es zu den Autos. Unser Wanderführer reicht den Fahrern die Wegbeschreibung und so fahren wir jeden Morgen zu einem anderen Ausgangsort für unsere Touren. Und ja, auch auf der Fahrt, die teilweise 45 Minuten dauerte, schwiegen die 5 Insassen beharrlich, was zumindest einmal dazu führte, dass ich eine Abfahrt verpasste ☺.

Am Ausgangspunkt angekommen dann ein leibhaftes Gebet (das uns so manchen verwunderten Blick von anderen Wanderern eingebracht hat) und dann geht es los. Bruno sagt uns welchen Weg wir gehen, ist er kompliziert geht er oder ein anderer, kartenlesekundiger Teilnehmer vor, ist er einfach wird einfach nur ausgemacht, wann und wo wir uns wieder treffen. So ist jeder frei, sein Tempo so zu wählen, wie es ihm entspricht.

Da ich in diesem Blogpost erst einmal den Ablauf der Exerzitien schildern möchte, gehe ich an dieser Stelle weniger auf das ein, was dieses Gehen im Schweigen mit einem macht. Ihr dürft euch also auf weitere Blogposts zu diesem Thema freuen (bzw. sie auch gerne auslassen, wenn euch das Thema nicht anspricht ☺).

Gipfeltour? Mir reichen die Ausflüge in geistige Höhen 😉

An einigen Tagen konnte, wer es sich zutraute, nach Erreichen des 1. Etappenziels, mit Bruno noch auf Gipfeltour gehen. Für meine Verhältnisse waren die Wanderungen mit bis zu 700 Höhenmetern Differenz, schwankenden Brücken, dunklen schmalen Tunnels und steilen Pfaden schon Mutprobe genug und so zog ich es vor, mit einigen anderen leichtere Wege einzuschlagen und den Impuls den Vorabends auf mich wirken zu lassen.

Denn auch das ist ein wichtiger Teil der Exerzitien: begleitende Texte aus der Bibel, ein Motto unter das der Tag gestellt wird, Gedanken, die einem der Exerzitienbegleiter anbietet und die man in den vielen Stunden des Schweigens bedenken kann. Auch zu diesem Thema werde ich euch mit Sicherheit noch beglücken, denn die Bibelstellen waren so vielsagend und die Impulse so wertvoll, dass ich auch davon sicher noch das ein oder andere mit euch teilen werde.

Waren die Gipfelstürmer zurück (und die, die sich nur in geistige Höhen aufgemacht hatten) ging es an den Rückweg. Für mich der schönste Teil des Tages.  Da es an allen Tagen der Wanderung sonnig und trocken war, konnte die Eucharistiefeier jeden Tag unter freiem Himmel stattfinden. In Gottes wunderschöner Natur zu sitzen, die Sonne zu spüren, den Geräuschen der Sommerwiese oder des Waldes zu lauschen und dann Gottes Wort zu hören und seinen Leib und sein Blut zu empfangen, was das in mir ausgelöst hat, dazu möchte ich lieber schweigen.

Der Abend: schweigen und hören (und ein klitzekleiner Austausch)

An Leib und Seele gestärkt, trafen wir am späten Nachmittag wieder im Exerzitienhaus ein. Dort gab es dann das Abendessen (ihr könnt es euch natürlich denken: im Schweigen) und anschließend ein Treffen der Gruppe. Nach einer kurzen Rückschau, bei der, wer mochte, ein kurzes Statement zum Tag abgeben konnte, das vollkommen unkommentiert im Raum stehen blieb, gab es dann die Texte und Impulse zum nächsten Tag.

Direkt im Anschluss dann wie morgens ein Treffen in der Kapelle, mit einer kurzen Meditation und einem Dankgebet.

Gegen 22 Uhr war der Tag dann beendet. Ein Tag voller Eindrücke, Bewegung, Gebet, Gesang, tiefer Dankbarkeit und vieler Fragen und ganz viel Schweigen.

Und nun sind sie vorbei die 7 Schweigetage. Eindrucksvoll waren sie, gedanken- und gefühlvoll. Begegnung mit zwei wahrhaft berufenen Menschen, von einem, Bruno Brantschen war schon die Rede, vom anderen vielleicht später etwas. Und nette Menschen habe ich kennengelernt, obwohl wir kaum ein Wort gewechselt haben. Denn man kann sich auch ohne Worte kennen und schätzen lernen.

 

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6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wie es mir scheint, waren es eindrucksvolle, unvergessene Tage für dich.
    Wie schön – Erholung für Leib und Seele!

  2. Ich bin stolz auf Dich, dass Du dies alles auf Dich genommen hast und Dich scheinbar dabei auch erholt hast. Bestimmt eine schöne Erfahrung, wenn auch hart, wegen des Nichtredens. Aber ich weiß, es funktioniert.Wenn der Weg zu Dir spricht, gibt es nicht´s mehr zu sagen.

  3. Schöner Bericht. Ich habe letzte Woche selbst eine Woche Wanderexerzitien geleitet, allerdings eher die „light“-Version, also nur mit einigen Etappen, die wir schweigend gegangen sind. Besonders eindrucksvoll ist wirklich immer die Eucharistiefeier mitten im Wald, oder an anderen schönen Orten in der Natur.
    Und übrigens: das Lied „Schweige und höre“, das als Zitat der Benediktsregel entnommen ist, hat ein Mitbruder von mir komponiert 😉

    • Hallo Maurus, danke für das Lob. Was für ein Zufall, dass ein Mitbruder das „Schweige und höre“ komponiert hat. Richte ihm bitte aus, wie sehr es mich berührt hat und danke ihm dafür. Gibt es vielleicht eine Version von Euch auf YouTube? Das wäre toll. Ich habe nichts richtiges gefunden. Innerlich klingt das „schweige und höre“ auch Wochen danach noch an.

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