Berufung: Pharisäer

Foto: Seleneos / Quelle: photocase.com

Manchmal platzt mir die Hutschnur. Über unseren Bundespräsidenten und was er getan/nicht getan hat, ob er zurücktreten soll oder nicht, nicht mehr tragbar ist und die Würde des Amtes beschmutzt, darüber wird mehr diskutiert, als es (meiner Meinung nach) der ganzen Sache eigentlich zukommt. Aber darüber haben schon sehr viele Menschen sehr viele kluge Texte geschrieben.

Aber jetzt hat die Social Media Gemeinde noch eine zusätzliche „Sau“, die sie durchs Dorf treiben kann. Die Rede ist von Bettina Schausten. Mit ihrer gestrigen Behauptung, Freunden, bei denen sie privat übernachtet, 150 € zu zahlen,  hat sie natürlich mächtig daneben gegriffen.

Aber mal ganz ehrlich: Euch ist so was noch nie passiert? Dass ihr euch unüberlegt habt hinreißen lassen, etwas zu sagen, von dem ihr in dem Moment, als es ausgesprochen wurde schon wusstet, dass es gelogen und vollkommener Nonsens ist? Dass ihr viel, sehr sehr viel darum geben würdet, es nicht gesagt zu haben und dass ihr hofft, keiner merkt, was es für ein Bullshit war?

Kennen wahrscheinlich 99% der Leute die diesen Blogpost lesen.

Aber wir alle haben einen Vorteil: Wir stehen nicht im Rampenlicht. Wenn wir  den Mund aufmachen – sei es in Beruf oder Privatleben – zeichnen bei den meisten von uns keine Kameras das Gesagte auf, um es Minuten später Millionen von Zuschauern zu zeigen, die jedes Wort analysieren und die vor allem eines nicht mehr kennen: Gnade.

Himmel Herrgott, lasst das Mädel doch am Leben.

  • Ja, die Frau hat Mist gebaut
  • Ja, sie eine professionelle Journalistin.
  • Ja, es hätte ihr nicht passieren dürfen.

Nun ist es aber passiert. Gut, darüber kann man einen Witz machen, oder auch zwei. Man kann eine Karikatur zeichnen. Man kann es aber auch lassen. Wer um Himmels gibt den Häme ausschüttenden Menschen eigentlich das Recht, sich so über Frau Schausten zu stellen und sich öffentlich über sie lustig zu machen?

Meine persönliche Meinung ist: niemand. Wie gesagt: In Maßen alles gut und schön, aber dieser Shitstorm da draußen den finde ich persönlich U N E R T R Ä G L I C H

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9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Andrea, empfinde ich genauso. Auch wenn es hart klingt, so langsam wächst eine Shixxgeneration heran.

    Wobei, und das stimmt mich wieder positiv, vergessen wir schnell worüber wir uns vor paar Wochen noch aufgeregt haben. 🙂

  2. Vorweg: Korrumpiertes Verhalten unserer Staatsdiener auf allen Ebenen bleibt auch mir stets ein Ärgernis. Amtsmissbrauch, Selbstbedienungsmentalität, Eigennutz zu bekämpfen bleibt Daueraufgabe.

    Aber:

    Ist schon ein Weilchen her, etwas mehr als 2000 Jahre, da hat mal jemand etwas vom Splitter im Auge des Anderen und vom Balken im eigenen Auge erzählt.

    Offenbar ist noch immer nicht Zeit genug vergangen, solche Lehren zu beherzigen. Und, Hand aufs Herz, wer von uns hätte nicht ebenso entschieden, wenn ein paar Prozent dadurch zu sparen sind, dass wir statt von der Bank einen Kredit von Freunden aufnehmen. Alles gratis und hundert Prozent Rabatt auf Alles.

    Menschen in exponierter Stellung wandeln auf einem schmalen Grad. Jemand anders befürchtete, dass bald kein amerikanischer Präsidentschaftskandidat mehr zu finden sei, weil es niemanden mehr gibt, der noch keinen Joint geraucht hätte.

    Tritt man jemanden, der am Boden liegt? Heute passiert dass nicht nur in U-Bahnen, es wird – hier mit Worten – von unserer geistigen Elite betrieben. Am meisten widert mich da die Scheinheiligkeit an, mit der man sich am Leid anderer weidet. Für manche währt das Fest der Liebe wirklich nur zwei Tage.

    Ein beim Fehltritt ertapptes Kind bekommt vor Scham einen roten Kopf und druckst rum. In einer perfekten Welt ist uns ausgetrieben worden, zu unseren Unzulänglichkeiten zu stehen. Ein liebender Vater oder eine liebende Mutter schaut streng, ermahnt kurz und nimmt das Kind dann in den Arm!

    Nur wenn wir uns trotz unserer Fehlbarkeit angenommen fühlen, erwächst in uns die Stärke, in Zukunft so etwas wie bessere Menschen zu werden.

    In diesen Tagen wird sehr viel Menschlichkeit zerschlagen.

  3. Ja, ich sehe das auch so. Eine menschliche Welt ist eine Welt der Gefühle und der allzu menschlichen Schwächen. Und deshalb gibt es Verzeihung und Gnade im Christentum. Eine perfekte Gesellschaft ohne Schwächen ist totalitär. In einer solchen Welt könnte ich nicht leben.

  4. Im Grundsatz gebe ich dir vollkommen recht. Doch trotzdem: Ich habe mich über Frau Schausten geärgert. Nicht wegen der Frage an den Bundespräsidenten, warum er denn seine Freunde nicht bezahle. Und auch nicht über die Tatsache, dass sie auf seine Gegenfrage mit einem kurzen, knappen und spontanen „Ja“ antwortete.
    Was mich vielmehr nachhaltig stört, ist ihre Aussage unmittelbar nach der Sendung: Der Bundespräsident habe versucht „…das Thema auf eine rein privat-menschliche Ebene herunterzubrechen, was ich durch meine spontane Anwort blockiert habe“.
    Jeder Mensch hat das Recht auf eine privat-menschliche Ebene – ein Bundespräsident ebenso wie eine Journalistin. Doch manchmal wird das privat-menschliche derart in die öffentliche (und multimediale) Diskussion gezerrt, das es einem Angst und Bange werden kann und man sich fragen muss, wie es denn noch um Respekt und Würde, vor allem aber gerade um das Menschliche in unserer Gesellschaft bestellt ist. Manches ist eben nur privat und auf einer Ebene von Mensch zu Mensch zu beantworten. Der Mensch ist eben nie perfekt. Auch wenn mancher sich vielleicht zu oft dafür halten mag. Ich bin in diesem Punkt absolut auch bei Armin König : „Eine pefekte Gesellschaft ohne Schwächen ist totalitär.“ In der Tat möchte auch ich nicht in einer solchen Welt eben. Auch mir ist eine Kultur des Verzeihens lieber. Im Großen wie im Kleinen.

  5. Danke für eure Kommentare die weitere wichtig Aspekte beleuchten. @virtonym schreibt vieles worüber ich schreiben auch nachgedacht, es dann aber doch aus dem Artikel rausgelassen habe. Danke dafür.
    @illiconvalley eine perfekte Gesellschaft wird es nicht geben und wir können sehr froh sein nicht in einer von ihnen beschriebenen Gesellschaft zu leben.
    @saarlandman damit wir uns recht verstehen. Mir ist Frau Schausten echt nicht sympathisch und ich fand das Ganze total daneben. Aber vorbei ist vorbei und diese Überraktion wegen eines solchen Nichts, dieses zerfleddern von Menschen, das ist es was mir auf den Geiste geht. Du hast das sehr gut im 2. Absatz deines Kommentars beschrieben.

  6. Pingback: Die Privatsphäre eines Bundespräsidenten und die Macht der Medien « Nacht des Herrn

  7. Es ist zwar o.t., aber weil ich darüber nachdenke, will ich es auch loswerden: platzt nicht der Kragen statt der Hutschnur und geht nicht etwas über dieselbe? Beste Wünsche (auch o.t., aber ernsthaft) noch nachträglich zum jahr 2012.
    A.Gross

  8. Hallo Alfred, weil es mir im ersten Moment auch komisch vorkam hatte ich es vor der Veröffentlichung gegooglet und es kann etwas über die Hutschnur gehen, eine Hutschnur kann aber auch platzen,nur leider finde ich den Link jetzt nicht mehr und wahrscheinlich haben sie Recht.

    Ihnen auch alles Gute zum neuen Jahr.

  9. Hallo Andrea,
    die Redewendung hat mich im Eppelborner Zusammenhang stutzig gemacht. Fast hätte ich es schon vergessen, aber so leicht gibt sich das Idiom in mir nicht geschlagen. Nach nochmaligem Nachdenken heißt es nämlich: dat lo get mer awwer jedzd iwwer die Hudschnuur.
    Mit sehr herzlichen Grüßen
    Alfred G.

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