Von der Verweigerung des Offensichtlichen

Das Gefühl am Vorabend einer wirklichen Revolution zu leben, habe ich schon seit Jahren. Wenn mich Menschen, die noch niemals einen Computer benutzt haben, bitten, ich solle ihnen Social Media und Facebook erklären, kapituliere ich oft mit dem Vergleich, dass es ungefähr so ist, wie einem Menschen der zur Zeit Gutenbergs geleben hat, zu erklären, welche gesellschaftliche Revolution diese Erfindung mit sich bringen wird. Der Vergleich wird oft nicht nur von nicht-Internet-affinen Menschen als überzogen abgetan, sondern auch von solchen, aus deren Leben das Netz und seine Segnungen (und negativen Auswirkungen) nicht mehr wegzudenken sind.

In ganz großartiger Weise, beleuchtet Wolfgang Blau, Chefredakteur der ZEIT das Thema.

Er erläutert an den Beispielen Buchdruck, Eisenbahn und Internet disruptive Innovationen, und ihre Wirkung auf Unternehmen und Gesellschaft. Und obwohl das WWW jetzt schon 20 Jahre alt ist, sprechen wir immer noch von den „Neuen Medien”.

Die neuen Medien werden eine neue Gesellschaftsordnung mit sich bringen. Das Wesen von disruptiven Innovationen aber ist es, dass erst das alte vergehen muss, bevor das neue sichtbar wird.

In seiner Rede fordert er die Zuhörer dazu auf, nicht abzuwarten bis das neue erscheint, sondern es auszuprobieren.

Unsere kulturelle Angst vor neuen Technologien ist riesig, Wolfgang Blau erläutert das am Beispiel des Beginns des Eisenbahnzeitalters. Das Modell der Kutschen wurde erst einmal gnadenlos durchgezogen, ein anderes Denkmodell schien nicht möglich zu sein. Alte Sichtweisen sind mächtig und können nicht von heute auf morgen aus der Welt geschafft werden.

Selbst das Sehen musste neu gelernt werden, denn das „Vorbeirasen“ der Landschaft hat die Menschen damals kognitiv überfordert. Und damit schlägt er die Brücke zur heutigen Reiz- und Informationsüberflutung.

Und so wie die Menschen damals ihr Sehen umstellen mussten und panoramatisches sehen lernen, so müssen wir heute lernen unsere Infos zu filtern.

Das Video zeigt die Keynote von Wolfgang Blau zur EIDG12, einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer Stiftung und der Friedrich-Naumann-Stiftung: ONLINE PARTIZIPIEREN, ONLINE ARBEITEN – Demokratie und Staat, Wirtschaft und Arbeit in der digitalen Welt, für die Enquete-Kommission „Internet und Digitale Gesellschaft“ des Deutschen Bundestages.

Ich hoffe, mein kleiner Einblick regt euch dazu an, euch dieses Video anzusehen, das von der ersten bis zur letzten Minute gespickt ist mit klugen Gedanken.

Und eine Frage, die er den Zuhörern mitgibt, sollte sich sicher auch jeder von uns stellen:

Jeder, ob Politiker oder Journalist, sollte sich fragen, ob er später für die Verweigerung des längst Offensichtlichen bestaunt werden oder für den Mut mit der Ungewissheit und dem bereits Absehbaren zu experimentieren, bewundert werden will.

Vielen Dank für den Hinweis auf das Video an Dirk Forster.

 

 

 

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4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Danke für das Lob. Und freut mich, dass sie es genauso sehen, denn das zeigt ja, dass es Politiker gibt, die damit so umgehen wie W. Blau es vorschlägt 🙂

    • Die mangelnde Kompetenz zieht sich doch durch alle Berufe. Aber klar, bei manchen sind die Auswirkungen dramatischer.

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