Memento mori

Heute begeht die evangelische Kirche den Totensonntag, auch Ewigkeitssonntag genannt. In der katholischen Kirche geschieht das an Allerseelen.

Das Thema Tod und Sterben verfolgt mich in den letzten Tagen über die unterschiedlichsten Medien. Ein Artikel in der Süddeutschen, in der ein Mann interviewt wird, der seit Jahren ausgefallene Todesanzeigen sammelt, ein weiterer, sehr lesenswerter Artikel im Blog evangelisch.de über Menschen die einsam sterben und einsam begraben werden. Und dann gestern beim Adventsbasar der KFD ein Buch mit dem netten Titel: „Das Dumme am Leben ist, dass man eines Tages tot ist“ ok hinterher geschoben wird noch: Eine Art Anleitung zum Glücklichsein. Musste ich mir kaufen, zusammen mit dem: „Club der Weihnachtshasser“. Ich möchte nicht wissen was die Dame am Büchertisch dachte, wahrscheinlich, dass ich eine militante Weihnachtsverweigerin mit Hang zum Morbiden bin.

Nein ich hasse Weihnachten nicht, ganz im Gegenteil. Und zum Thema morbid,  ich muss bekennen, dass ich auch jeden Morgen die Todesanzeigen lese, und dass mich das Thema Tod, Sterben und Leben nach dem Tod oft beschäftigt. Morbid würde ich das allerdings nicht nennen.

Bei katholischen Beerdigungen gehört eine Fürbitte zum Ritus, die viele als grausam empfinden: „Wir beten für uns selbst und alle Lebenden – besonders auch für denjenigen aus unserer Mitte, der als erster dem Verstorbenen vor das Angesicht Gottes folgen wird – schenke uns Reue und Umkehr.“

Bis vor ein paar Jahren fand ich diese Fürbitte fürchterlich. Heute denke ich, wann, wenn nicht auf dem Friedhof ist die Gelegenheit über die eigene Vergänglichkeit nachzudenken? Sind wir auf Beerdigungen nicht auch deshalb so berührt, vor allem wenn uns der Verstorbene nicht sehr nahe gestanden hat, gerade weil wir spüren, dass dies der Weg ist, denn wir und alle Menschen die wir lieben, einmal gehen werden?

Und ist dieser Moment nicht wirklich der Beste, um für den Menschen zu beten, den dieses Schicksal als nächstes trifft? Wäre es denn nicht eine Gnade, wenn das Gebet wahr würde und derjenige seine Prioritäten im Leben neu ordnen würde, wichtig von unwichtig unterscheiden könnte, was immer das auch für den einzelnen bedeuten mag?

Vom Kindergarten an wird uns heute eingetrichtert, dass wir unser Leben planen müssen. Drittklässler leiden unter Schlafstörungen, weil sie befürchten, keine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen. Die Karriere wird bis ins Detail geplant, die Familie auch. Nur der einzige Punkt, der im Leben jedes Menschen kommt, so sicher wie das sprichwörtliche Amen in der Kirche, der wird beiseitegeschoben und verdrängt. Den Tod haben wir aus unserem Leben verbannt. Trauer um einen geliebten Menschen sollte möglichst schnell abgeschlossen werden, damit man nur ja schnell wieder mitten im Leben steht. (Der Artikel: „Mit Standard unter die Erde“ beschreibt wie schnell und geschäftsmäßig sich der Verstorbenen heute „entledigt“ wird.)

Aus unserem Bewusstsein versuchen wir sie zu verdrängen, den Tod und das Sterben, aber im gleichen Maße wie wir dies tun, dringt ein Symbol immer stärker in unseren Alltag ein, oder gibt es noch einen Modeschöpfer der auf den Totenkopf verzichtet? Schädel sind en Vogue. Und so lächelt er uns doch täglich wieder ins Gesicht, der Tod. Er wird getragen auf T-Shirts, Taschen, Gürteln und Schuhen und kaum ein Träger eines derartigen Kleidungsstücks kann mir erklären, was daran bitte so schön sein soll. Es ist einfach hipp. Nur nicht in den eigenen Gedanken, nur nicht in Bezug auf das eigene Leben und die Konsequenzen die man vielleicht daraus ziehen sollte.

In Dambach la ville, im Elsass an einer kleinen Kapelle,  die es sich unbedingt lohnt zu besuchen, habe ich am Gebeinhaus folgendes Schild gefunden:

In diesem Sinne: Schenke uns Reue und Umkehr, nicht nur an Totensonntag und Allerseelen!

Nachtrag: Nach dem Schreiben dieses Blogpost habe ich noch diesen Artikel in der FAZ gelesen: „Wann dürfen wir sterben?“  und auf HR 2 in der Reihe „Der Tag“ den Podcast gehört: „Denkt euch, ich habe den Tod gesehen – Über den Umgang mit dem Ende des Lebens“

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2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. ja, man sollte immer mal wieder Inventur des eigenen Lebens machen. Die Erfahrung zeigt, selbst 80jährige, die auf dem Sterbebett liegen sagen „Was, jetzt schon?“.

    eine gute Methode ist hierbei eine geführte Meditation „Wenn ich morgen sterben müsste. Geführte Meditation und Anleitung zur Zwischeninventur deines Lebens“. Klingt für viele erschreckend – aber man kann sich nie früh genug mit diesem Thema bechäftigten. Und das schöne ist, wenn man sich WIRKLICH damit beschäftigt, ist es gar nichts Unangenehmes mehr.
    Im Gegenteil. es ist Ansporn. Und ich überlege, was WILL ich in meinem Leben, womit will ich wirklich Zeit verbringen? Und habe dann die Chance, diese Erkenntnis auch in meine Lebensplanung mit hineinzunehmen – bevor ich 80 bin 🙂

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