Saatgut – Macht die EU brave Kleingärtner zu Kriminellen?

Tomaten in Bachmichels Garten

Tomaten in Bachmichels Garten

Die Esskultur des Abendlandes ist in Gefahr. Das Grauen schlechthin, der böseste Nahrungsmittelkonzern der Welt, Monsanto instrumentalisiert gerade die EU, damit wir in Zukunft nur noch wenige Sorten Obst und Gemüse essen dürfen und sorgt gleichzeitig dafür, dass liebenswerte Großmütterchen die ihren eigenen Gemüsegarten haben und Saatgut mit anderen braven Großmütterchen tauschen, sich strafbar machen.

OK, das war sehr sehr stark übertrieben und ich entschuldige mich für die reißerische Headline, aber wenn man die Artikel, Aufrufe, Petitionen und die ungezählten Aufreger auf Facebook so verfolgt, kann man schon diesen Eindruck gewinnen.

Bezug wird meist auf einen Artikel in den deutschen Wirtschafts -Nachrichten genommen:

 EU will Anbau von Obst und Gemüse in Gärten regulieren

Jetzt unterstellt man ja einer Publikation die sich Wirtschafts-Nachrichten nennt, dass sie eher Unternehmens- und wirschaftsfreundlich eingestellt ist und wenn die schon kritisch berichten, dann muss ja wirklich Gefahr in Verzug sein.

Und es liesst sich ja auch wirklich schrecklich, was da auf uns zukommt:

Die Europäische Kommission will den Landwirten und Gärtnern in Zukunft die Verwendung von Einheits-Saatgut vorschreiben. Alte und seltene Sorten haben kaum Chancen auf eine Zulassung, ihr Anbau wird strafbar – auch wenn er im privaten Garten erfolgt.

Und weiter, journalistisch ganz „sauber“ und neutral beschrieben:

Sollte das Parlament die Verordnung durchwinken, dürfen auch Privatleute ihre in Obst- und Gemüseprodukte nicht mehr verbreiten, wenn sie nicht den Wünschen von Monsanto EU-Normen entsprechen.

Liest sich wirklich alles sehr bedrohlich und unglaublich. Und da man der EU ja wirklich viel zutraut, nur nichts Gutes, klingt es auch erst mal plausibel.

Und so springen im Netz gefühlte 150% auf den Zug auf. Fast 100.000 haben schon eine Petition gegen die geplante Verordnung gezeichnet. Nur mehr, als polemische Artikel gelesen, haben die Mehrzahl der Unterzeichner wohl NICHT.

Sören Schewe, einen Wissenschaftsblogger hat das so genervt, dass er einen eigenen, sehr lesenswerten Artikel dazu geschrieben hat: Saatgut – Schreck im Kleingarten.

Im Gegensatz zu der vorher von mir kritisierten s/w Malerei versucht er sachlich zu bleiben und die Tatsachen verständlich darzulegen ohne die geplante Verordnung zu verharmlosen:

Sicher, wenn der Regelungsbereich ausgeweitet wird, ist eine gewisse Aufmerksamkeit angebracht, zumal einiges in Form von “delegierten Akten” noch recht schwammig ist. Wie weit sich einheitliche Bestimmungen für Pflanzen und Saatgut aus allen Bereichen umsetzen lassen, wird auch noch spannend.

Und darum geht es doch. Sich wirklich mit den Dingen beschäftigen, und sich nicht nur Sachen vorkauen lassen, um diese dann ungeprüft und ohne wenigstens mal für 5 Minuten darüber nachzudenken, im Netz weiter zu verteilen, weil es ja so schön ins eigene Weltbild passt- da die guten NGO´s, die Retter der Welt und dort die böse Industrie, die alles zerstört.

Ich bin ein großer Fan davon, Dinge kritisch zu hinterfragen. Und wenn man sich dann eine fundierte Meinung gebildet hat, dann kann man auch dagegen vorgehen, aber bitte doch erst dann.

Die EU hat übrigens eine eigene Seite eingerichtet, um in ganz klaren und einfach zu verstehenden Worten darzulegen, wie der Entwurf zu verstehen ist:

Privatgärtner können auch in Zukunft ihr Saatgut wie bisher verwenden. Sie sind von den neuen Regelungen zur Tier- und Pflanzengesundheit, die die Kommission Anfang Mai vorstellen wird, -entgegen anderslautenden Meldungen – nicht betroffen.
 
Die neuen Regeln gelten für ausschließlich professionelle Akteure, wie beispielsweise Landwirte oder Gartenbaubetriebe, die pflanzliches Saatgut erzeugen.
 

Den ganzen Text findet ihr hier:

Klarstellung: Neue Regeln für Saatgutproduktion gelten nur für professionellen Handel

Was bei mir durch diese ganze Diskussion übrigbleibt, ist ein Gefühl permanent manipuliert zu werden und selbst Qualitätsmedien nicht mehr trauen zu können.

Diese Entwicklung finde ich fatal, denn leider mangelt es mir an der Zeit mich in jeden kritischen Tatbestand der mich interessiert und betrifft, einzulesen bzw. jeder Sau auf den Fersen zu bleiben, die durchs virtuelle Dorf getrieben wird.

Wie gut, dass es dann Blogger gibt, die diese Lücke auffüllen. Traurig und beklagenswert finde ich die Entwicklung dennoch.

Ergänzung:

Da viele Leser_innen dieses Blogpost sicher nicht alle Kommentare durchlesen werden (was ich aber sehr empfehle, weil Kommentare oft das Salz in der Suppe eines Blogposts sind)  möchte ich noch wie folgt Stellung nehmen:

Ich möchte mit diesem Blogpost nicht zum Ausdruck bringen, dass ich die von der EU geplante Verordnung gutheiße oder unbedenklich finde. Ich weiß es schlicht und ergreifend nicht. Was ich anprangere, ist die Unsachlichkeit der Berichterstattung, die immer mehr um sich greift und die den flüchtigen Leser, die Leserin schnell in eine Richtung schubst, die dann eingeschlagen wird, weil sie ja so gut ins eigene Weltbild passen. Ohne noch etwas mehr zu recherchieren.

Ich habe es zwar oben auch schon mal geschrieben und eben in einem Kommentar weiter ausgeführt, aber hier noch mal deutlicher weil es der Punkt ist, um dem es mir vor allem in dem Artikel ging:

Ich merke immer mehr, dass egal um welches Thema es geht (und es gibt so unglaublich viele wichtige Themen), die Komplexität derart zunimmt, dass es schier unmöglich ist, sich eine wirklich fundierte Meinung zu all den Themenbereichen zu bilden, die uns angehen bzw. angehen müssten, weil sie unsere Zukunft massiv beeinflussen. Und wenn man/frau/ich mich dann dazu noch massiv manipuliert und desinformiert fühlt, und wenn man bei NGO’s auch oft das Gefühl bekommt, es wird einfach nur mit der großen Keule um sich gehauen, egal ob wahr oder nicht (ich erinnere nur an Brent Spar) dann lässt mich das mit einer großen Ratlosigkeit zurück.

Also, informiert euch, wie ihr die Verordnung wirklich findet. Viel Material findet ihr bei der Arche Noah, die auch die Petition gegen die Saatgut Verodnung gestartet. Und auch Sören Schewe hat noch mal nachgelegt, auch hier bitte noch mal vorbeischauen: Nachtrag zum Saatgut.

 

 

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9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das entscheidende bei allem ist, dass man den genannten Akteuren (Politiker, Regierende, Unternehmen, Manager) all diese Schandtaten zutraut, es nicht nur für möglich, sondern für sehr wahrscheinlich hält. Das Schlimme daran ist, dass dieses Gefühl zurecht besteht, weil in den letzten – sagen wir 25 Jahren – immer wieder Beweise dafür gegeben wurden. In letzter Zeit gar in größerem Ausmass und schnellerer Weise.

    Welche Machtinstrumente stehen „uns“ zur Verfügung, um gegen die Ohnmacht anzukämpfen? Wenige. Hier oder da mag eine Bürgerinitiative, ein Volksbegehren oder auch ein Shitstorm schlimmste Auswüchse zu verhindern. Das ändert am wesentlichen Lauf der Dinge wenig.

    In Deutschland gab es nach dem zweiten Weltkrieg eine verfassunggebende Versammlung. Es gab eine Bestandsaufnahme und, ganz wichtig, es wurden wichtige Ziele unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens definiert und mit dem Grundgesetz ein taugliches Mittel zu deren Durchsetzung verabschiedet. Das funktionierte über 50 Jahre lang sehr gut.

    Heute brauchen wir wieder eine solche Versammlung. Entscheidende Zustände in unserer Umwelt haben sich verändert. Wir leben global, wir leben am Limit, wir leben ohne Gesetz.

    Und irgendwie habe ich die Vermutung, dass trotz im Netz herrschender Hysterie, Kakophonie, Unwissenschaftlichkeit, gerade hier der Kern einer neuen verfassunggebenden Versammlung entsteht. In Teilbereichen schon mit konkreten Ergebnissen (dort, wo besonders netzspezifische Themen vorliegen), in anderen (mit großem Bezug zur Realwirtschaft) noch nicht.

  2. Danke für den Link bzw. die Klarstellung! Ich hatte schon erwogen, irgendwo zu schreibe , dass das nach Hoax und Verschwörungstheorie riecht… Da hat mein Gefühl ja nicht getrogen.

    • Danke! Man muss schon immer genau hinschauen. Ich bin mit dem Thema noch lange nicht durch. Hier ging es mir jetzt nur um die Privaten….

  3. Wenn aber die Bauern hier so reguliert werden sollen wie in den USA, dann gute Nacht. Dort halten ein paar wenige Firmen alle Fäden in der Hand und Bauern, die nicht mitziehen, werden zuerst bespitzelt, dann angezeigt und schliesslich fertig gemacht. Selbst wenn ich bei mir im Garten alles einpflanzen darf, wenn die Bauern von Monsanto und Co abhängig sind, verliert das Produkt „Nahrung“ noch viel mehr an Qualität als es jetzt schon hat. Da ist mir ein überzogener Protest viel lieber als ein Schweigen bis es zu spät ist.

    Ansonsten empfehle ich gern den Film Food Inc., solche Zustände möchte ich hier nicht haben und da heisst es die EU schnell, laut und deutlich in die Schranken zu weisen.

    • Was mich wundert, dass die Saatgutverbände, in denen auch kleine und mittlere Saatgutfirmen Mitglied sind, keine Pressemitteilungen dazu herausgeben wenn es für sie so existenzbedrohend ist.

      Vom Bauernverband habe ich eine Pressemitteilung gefunden in der die Verordnung ausdrücklich begrüßt wird, die befürchten also schon mal keine amerikanischen Zustände (von denen ich jetzt zu wenig weiß, werd mir den Film bei Gelgenheit mal anschauen).

      Hier die Pressemitteilung des DBV
      DBV zum Saatguthandel

      Natürlich ist es immer angebracht wachsam zu sein und genau hinzuschauen welche Gesetze und Verordnungen erlassen werden, aber gerade wenn es schwierige und komplexe Sachverhalte geht, finde ich sachliches und unemotionales Argumentieren um so wichtiger.
      Zudem würde ich mir wünschen, dass Pro und Contra stärker herausgearbeitet wird und diese unsägliche schwarz-weiß Malerei aufhört.

      • 1. Die zitierte Pressmitteilung ist leider die komplett falsche … da wird das komplette Gegenteil begrüßt, sieht man daran dass sie fast 1 Jahr alt ist … hier die Orginalmeldung dazu :
        http://www.dradio.de/aktuell/1809482/
        -> dürfte also in etwa klar sein wie der DBV darüber denkt …

        2. Die gesuchten Saatgutverbände, bei denen ich auch mein „seltenes Saatgut“ beziehe, sind genau die, die diese Online Petitionen etc. gestartet haben … z.B. Arche Noah, da gibt es auch diverse Mitteilungen

        3. Leider hast du schon irgendwie Recht, alles was man so lesen durfte waren mehr oder weniger Halbwahrheiten … inkl. alles was das ganze als „Falschmeldung“ darstellt … Die DWN schreibt nach dem Motto „Kleingärtner werden verhaftet“ die taz erwidert …. „Alles nur ne böse Facebook Verschwörung“ … leider hat die DWN aber trotzdem in gewissen Maße durchaus Recht … das weiss man wenn man einfach die EU „Gegenpostion“ gelesen hat …

        a.) Privatgärtner können auch in Zukunft ihr Saatgut wie bisher verwenden.
        -> schön und gut … das Problem ist nur, woher bekomme ich das Saatgut, wenn größere Saatgutkonzerne, den Kram nicht mehr verkaufen können, als Privatmann bin ich höchstens dazu in der Lage ca. 20 Sorten zu erhalten, es gibt aber Tausende d.h. die EU schreibt mir schon vor was ich anzubauen habe, wenn auch nicht auf direktem Weg ….
        b.) Für Kleinstunternehmen jedoch wird es Ausnahmen geben, um für sie die administrativen Hürden und Kosten zu minimieren.
        -> Jetzt könnte man denken, kein Problem kauf ich mein Saatgut einfach bei diesen Kleinstunternehmen, aber 10-Mann Unternehmen sind kaum dazu in der Lage tausende Sorten zu erhalten, und haben vermutlich auch Probleme die Zulassungsgebühren zu zahlen …

        => Das Problem ist, mit diesen Plänen, ob sie nun durchkommen oder nicht, wird weiter das Artensterben gefördert, schon heute sind bei manchen Gemüsesorten ca. 90% u.A. wegen Saatgutmonopolen ausgestorben … und der Privatmann wird nicht dazu in der Lage sein dem entgegen zu wirken … ob er es nun darf oder nicht …

        • Hallo Thuje,

          vielen Dank für diesen ausführlichen Kommentar. Mein Blogpost war vor allem anderen eine Reaktion auf die immer mehr um sich greifenden panik-machenden Artikel die unsauber recherchiert sind, eine Meinung erzeugen und den Leser, die Leserin dann damit alleine lassen. Aber ich hätte mir mit meinem Blogpost besser ein anderes Thema ausgesucht. Deinen Ausführungen, denen der anderen Kommentatoren und vielem was ich zwischendurch im Netz gelesen habe, ist zu entnehmen, dass es wirklich ein hoch komplexes Thema ist. Und es ging mir im Blogpost auch nicht darum zu verharmlosen, auch wenn man das sicher reinlesen kann. Ich werde mir beim nächsten Mal noch mehr Mühe geben.

          Zu dem falsch zitierten DBV Artikel. Danke für deinen Link. Mir war bewusst, dass der Artikel 1 Jahr alt ist, aber ich hatte ihn auf diese Verordnung bezogen und auch in die Richtung interpretiert.

          Die Situation die du/sie ansprechen ist wirklich schwierig. Die Bürokratie und die Kosten um eine Zulassung zu erreichen sind sehr hoch. Aber sind sie das nicht überall in der Nahrungsmittelindustrie. Die Kosten für Zertifizierungen/Audits usw. sind für kleine Betriebe doch oft nicht zu stemmen.

          Ich merke immer mehr, dass egal um welches Thema es geht (und es gibt so unglaublich viele wichtige Themen), die Komplexität derart zunimmt, dass es schier unmöglich ist, sich eine wirklich fundierte Meinung zu all den Themenbereichen zu bilden die uns angehen bzw. angehen müssten, weil sie unsere Zukunft massiv beeinflussen. Und wenn man/frau/ich mich dann dazu noch massiv manipuliert und desinformiert fühlt und wenn man bei NGO’s auch oft das Gefühl bekommt, es wird einfach nur mit der großen Keule um sich gehauen, egal ob wahr oder nicht (ich erinnere nur an Brent Spar) dann lässt mich das mit einer großen Ratlosigkeit zurück.

  4. So reißerisch wie die Ausgangspetition ist, so reißerisch ist dieser Blog-Beitrag.

    Fein, wenn der Privatgärtner weiter züchten darf, wie es ihm beliebt, aber eben nicht fein, wenn der professionelle Saatguthandel so dermaßen stark beschnitten wird.

    Ich frage nämlich:
    WARUM und WO liegt der Vorteil dieser harschen Reglementationen? Die Welt ist 2013 Jahre alt geworden, ohne dass es eines solchen Eingriffs bedurft hätte und ohne dass wir krank geworden wären, weil es Saatgut gegeben hat, das nicht patentiert worden ist. Wenn die Gefahr von Risiken für Nutzer und Verbraucher künftig ausgeschlossen werden soll, dann liegt das einzig daran, dass Genmanipulationen Tür und Tor geöffnet sind und die Gefahr und ein vermeintlicher Handlungsbedarf daher rührt.

    Back to the roots, wäre mein Vorschlag.

    • Der Anfang ist reißerisch ganz klar, hab ich ja auch geschrieben, der Rest ist vielleicht leicht emotional, aber mehr auch nicht.
      Mir ging es in dem Artikel einzig darum wie unsauber recherchiert wird und Falsches behauptet wird.

      Ich glaube nicht, dass ich in dem Artikel Stellung nehme wie ich die Verordnung generell finde, da habe ich eine Tendenz (und die ist nicht positiv dem Gesetz gegenüber) aber da ich einfach nicht die Zeit habe, mich weiter einzulesen und keine Zeit es wirklich genau zu durchdenken, halte ich mich sehr zurück, dazu Stellung zu beziehen.

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