Ein Bäcker auf der Walz

Zur Zeit meines Großvaters war es noch gang und gäbe, dass ein Handwerksgeselle, wenn er ausgelernt hatte, auf die Walz ging. Früher war es sogar eine Voraussetzung, wenn man zur Meisterprüfung zugelassen werden wollte.

Heute kann man auch ohne Wanderjahre seinen Meister machen, aber glücklicherweise ist die Tradition trotzdem und trotz all der Beschwernisse, die diese Jahre mit sich bringen, noch nicht ganz ausgestorben.

Entgegen der landläufigen Meinung sind es nicht nur Zimmerleute, die auf die Walz gehen. Jeder Handwerksberuf ist dazu berechtigt.

Und ich habe in dieser Woche einen Bäcker kennengelernt der die erforderlichen 3 Jahre und 1 Tag (die Walz muss länger sein als die Gesellenzeit von 3 Jahren, daher der 1 Tag) auf die Walz gegangen ist.

Aber damit nicht genug. Sicher wäre es auch super spannend gewesen, wenn er diese Zeit nur in Deutschland zugebracht hätte, aber Marc Mundri hat nach dem obligatorischen Jahr, das man mindestens in Deutschland auf der Walz sein muss (damit man mal jede Jahreszeit mitgemacht hat) die Chance genutzt und sich Bäckereien auf der ganzen Welt angesehen und sein Wissen um Rezepturen und Arbeitstechniken in Indien, USA, Mexiko und Neuseeland erweitert.

Wo ich diesen außergewöhnlichen Menschen getroffen habe wollt ihr wissen? Er war unser Seminarleiter an der Akademie Deutsches Bäckerhandwerk in Weinheim. Und in diesem Seminar wurde nicht nur gebacken, wir erfuhren von Marc Mundri auch sehr viel, wo und wie er diese Erfahrungen gesammelt hat.

Vom Beginn der Walz, bei der man 2 Flaschen am Ortschild vergräbt (eine leere mit Wünschen und Grüßen von Verwandten und Freunden und eine volle für den Begrüßungsschluck bei der Ankunft), wie man auf die Walz festgenagelt wird, in dem man den obligatorischen Ohrring auf dem Kneipentresen mit Hammer und Nagel „gestochen“ bekommt, wie schwer das Gepäck war (anfangs 15 kg, später nur noch 5) und was nicht dabei sein durfte: kein Handy und kein Laptop und nur 5 € Notreserve. Von der maßgeschneiderten Kluft, bei der sogar die Anzahl der Knöpfe eine Symbolik hat, so hat das Jackett 6 Knöpfe für die Arbeitstage der Woche und die Weste 8 Knöpfe für die Arbeitsstunden und festgenäht sind sie in Form eines Z das für Zunft steht.

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Positiv überrascht war ich, dass die Arbeit nur gegen Tariflohn verrichtet wird. Nichts von wegen Kost und Logis, was aber auch vollkommen logisch und zwingend ist. Die Gesellen auf der Walz sind ja keine billigen Arbeitskräfte, die anderen die Arbeit wegnehmen. Für Reise und Unterkunft dürfen Gesellen auf der Walz übrigens kein Geld ausgegeben, was die Kommunikationsfähigkeiten natürlich ungemein schult und unter Umständen schon mal für außergewöhnliche Übernachtungsorte (vom Parkhaus bis zum 5 Sterne Hotel) sorgt.

Die erste Anlaufstelle ist übrigens immer der Bürgermeister des Ortes oder der Stadt. Mit einem ganz besonderen – aber geheimen – Spruch stellt sich der Wanderer vor und bekommt, wenn er Glück hat, neben dem Stempel der ihm 3 Tage Aufenthaltsrecht gewährt, vielleicht auch den ein oder anderen Euro zusteckt.

Findet der Wanderbursche dann einen Betrieb der ihn mitarbeiten lässt, darf er 3 Monate bleiben bevor er wieder weiterziehen darf.

Natürlich gilt die Regelung kein Geld für Transport auszugeben nicht für das Ausland. Aber um dort hinzukommen muss man natürlich sehr sparsam sein, um sich den Traum auch in fremden Ländern sein Wissen zu erweitern, leisten zu können.

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Wir bekamen noch einige Stories zu hören. Durften einen Blick in das Wanderbuch werfen und die Karte anschauen in die die Bannmeile von 50 km um den Heimatort gezogen ist. Durften den Stoff der maßgeschneiderten Kluft fühlen, die immerhin 3 Wanderjahre auf dem Buckel hatte und vor allem von all dem Wissen profitieren, dass Marc und sein Kollege Felix Remmele, der ihn bei einigen Auslandsreisen begleitete, mitbrachten, denn der Löwenanteil des Kurses bestand ja im Backen. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden. Hier nur ein paar Fotos um euch die Nase lang zu machen.

 

Backwerk

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2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für diesen informativen Blogbeitrag! Kürzlich hab ich nämlich nochmal einen Zimmermann auf der Walz gesehn und mich gefragt, wie das genau ist. Eine schöne Tradition und ein spannender Gesprächspartner…ich hoffe, die volle Flasche war noch da!

    • Ich hätte ihm noch stundenlang zuhören können und ich glaub ich hab ihm an dem Tag schon Löcher in den Bauch gefragt.

      Wäre toll, wenn das in jedem Beruf möglich wäre. Du wärst als Lehrerin auf der Walz doch sicher sofort dabei, oder?

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