Vom Egoismus der Selbsttötung

Es gibt Zeitungsartikel, die kann ich einfach nicht so stehen lassen. Den darin getroffenen Aussagen muss ich widersprechen. Manchmal reicht ein Kommentar unter dem Artikel, aber manchmal muss ich mir den Frust, die Wut und das Unverständnis im Blog von der Seele schreiben.

Ein solcher Artikel ist der von Volker Zastrow in der FAS Nr 13 vom 29. März 2015 mit dem Titel:

Germanwings-Katastrophe Das Wort „Selbstmord“ ist zu schwach

Mir geht es hierbei nicht um den Inhalt, der sich damit beschäftigt, was der Auslöser der Katastrophe des Germanwing Flugs 4U9525 war. Die These, dass der Co-Pilot den Absturz absichtlich herbeigeführt hat, wird ja nicht nur in diesem Artikel behandelt als sei es eine unumstössliche Tatsache.

Ich will auch nicht darüber schreiben, dass ich es zum kotzen finde, wie die Berichterstattung erfolgt, und ich meine da nicht nur die Blöd Zeitung. Darüber wird und wurde genug geschrieben. Ich kann nur meinen Teil dazu tun, dass ich nicht zum Klickvieh werde, und dass ich mich mit lesen zurückhalte und über meine eigene Informationsgier reflektiere.

Was mir in vielen Artikeln aufstößt ist, dass die Vermutung, der Co-Pilot habe den Absturz absichtlich herbeigeführt als Selbstmord beschrieben wird. In meinem Verständnis handelt es sich, wenn es sich denn herausstellen sollte, dass diese These stimmt, nicht um einen Selbstmord, sondern um einen unglaublichen Amoklauf bzw. Terrorakt.

Auch das hätte mich nicht zum Stellung beziehen veranlasst. Aber was mich stört ist, wie in diesem Zusammenhang über Depression und vor allem von Selbstmord bzw. Freitod gesprochen wird.

Und da komme ich zurück zu Herrn Zastrow und seinen mehr als kruden Ansichten, die von der Intelligenz der Argumentation und der mangelnden Sachkenntnis, eher an einen Stammtisch als auf die 2. Seite, die Politikseite der FAS gehören.

Selbstmord: Krankheitsfolge oder freie Entscheidung?

Für Herrn Zastrow ist Selbstmord als Folge von Depression eine frei gewählte Entscheidung. Keine Krankheitsfolge.

Ich möchte im Folgenden nur seine eigenartigen Ausführungen zum Thema Depression und Selbstmord beleuchten, nicht die „Selbstmordtheorie“ zum Absturz von Flug 4U9525.

Depression, die im Selbstmord endet, ist für Herrn Zastrow keine Krankheit, denn:

Wenn einer sich selbst das Leben nimmt, bringt er diesen Schmerz über seine Nächsten. Er macht den Tod zu seinem Diener, lässt ihn für sich alle Beziehungen durchschneiden. Damit nimmt er den Hinterbliebenen den Trost des Fatums: den elementarsten und schwächsten, ersten und unentbehrlichsten Trost, dass das Schicksal zugeschlagen hat, durch Natur- oder Staatsgewalt, Unfälle, Krankheit*, Verbrecher.

Genau, wäre der Verstorbene krank gewesen, dann wäre der Tod besser zu verkraften. Aber so ein Depressiver, der sich umbringt, der ist ja nicht krank. Nein, der ist selbstsüchtig:

Vielleicht liegt es in der Logik oder Larmoyanz* einer solchen Zeit, dass ihr auch beim Selbstmord das „Selbst“ näher steht als der „Mord“, vielleicht bestimmt das die Richtung des Mitleids und seine Grenzen. Weil Selbstmitleid eben auch beliebter ist als Mitleid*.

Was für mich da mitschwingt? Diese selbstmitleidigen Geschöpfe. Haben so viel Selbstmitleid, dass sie sich sogar umbringen. Diese Memen. Wie wäre es mal mit ein bisschen zusammenreissen.

Und außerdem: Mitleid mit Selbstmördern? Wo kämen wir denn da hin?

Nein, Selbstmord verdient kein affirmatives, irgendwie billigendes Mitgefühl: jedenfalls so lange nicht, wie er auch eine Tat gegen andere ist.

Und ja, ich stimme Herrn Zastrow vollkommen zu, dass ein Selbstmord, bei dem andere in Mitleidenschaft gezogen werden (wie z.B. Lokführer), grauenhaft und furchtbar sind, aber meiner Meinung verdienen sie dennoch Mitleid. Das heißt ja nicht, dass das Schicksal der Involvierten, wie im Fall der Lokführer, nicht auch traumatisch ist.

Aber, Selbstmörder sind nach Meinung von Herrn Zastrow einfach totale Egoisten.

….als mit Bischöfin und Brim und Borium Zehntausende eines Torwarts gedachten, der immerhin auch Frau und Tochter hinterlassen und einen Lokführer zum Werkzeug seines Todes auserkoren hatte.

Ja, er hat Frau und Tochter hinterlassen. Wäre er an Krebs gestorben, hätte er sie auch verlassen. Wie gut, dass Robert Enkes Frau mehr von der Krankheit ihres Mannes versteht (s. Robert Enke Stiftung) als  Volker Zastrow, der meint ihn dafür verurteilen zu dürfen.

Nur um es noch mal zu betonen: wenn sich herausstellt, dass die Maschine wirklich durch den Co-Piloten bewusst zum Absturz gebracht wurde, habe ich dafür genauso wenig Verständnis, wie für jeden Amoklauf und für jedes Selbstmordattentat eines Terroristen.

Schluss mit der Stigmatisierung von psychisch Kranken

Worum es mir geht, ist die Stigmatisierung von psychisch erkrankten Menschen anzuprangern. Menschen, die jetzt von vielen in die gleiche Schublade gesteckt werden, wie der depressive Co-Pilot: depressiv, Pillenschlucker, nicht ganz fix in der Birne, potentieller Mörder.

Ich habe 2 Freundinnen durch Selbstmord verloren, ein früherer Nachbar hat sich vor den Zug geworfen, eine weitere Bekannte hat sich ertränkt.

Für diese Menschen, die alle Familie, Ehepartner, Kinder und Enkel und einen Freundeskreis zurückgelassen haben, habe ich ebensoviel Mitgefühl und habe sie ebenso sehr betrauert, wie eine Freundin die mit 40 an Krebs gestorben ist.

Für Herrn Zastrow sind das einfach selbstsüchtige und selbstbestimmte Menschen, die ohne Rücksicht auf andere den Freitod wählen.

Auf der Beerdigung meiner Freundin, die sich das Leben nahm, sagte der Pastor (sinngemäß) in der Trauerfeier: Sie war erkrankt. An einer Krankheit, die in ihrem Fall nicht heilbar war. So wie es Menschen gibt, die eine Krebserkrankung überleben und andere nicht.

Ein Pastor, der eine der größten Sünden, die die Kirche bis vor kurzem noch kannte, nicht verdammt, sondern eine Erklärung sucht und tröstet. Und ein Journalist, der mal gerade so eine Krankheit für eine persönliche Befindlichkeit erklärt.

Verkehrte Welt.

 

* Hervorhebungen von mir

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