Das 22. Türchen: Der Graf und die Bohnen

F20

Christkinds wunderbare Reise*

 

In der Toskana erzählt man sich die Geschichte eines alten Grafen, der sehr alt wurde, weil er das Leben und seine schönen Momente bewußt genießen konnte, Tag für Tag.

Er verließ niemals das Haus, ohne sich zuvor eine Hand voll Bohnen einzustecken.

Er tat dies, um die schönen Momente des Tages bewusst wahrzunehmen und sie besser zählen zu können.

Die meisten Bohnen waren dunkel und recht klein, aber zwei oder drei waren weiß und groß.

Für jede positive Kleinigkeit, die er tagsüber erlebte – einen fröhlichen Plausch auf der Straße, das Lachen einer Frau, ein köstliches Mal, eine feine Zigarre, einen schattigen Platz in der Mittagshitze, ein Glas guten Weines…für alles, was seine Sinne erfreute, ließ er eine Bohne von der rechten in die linke Jackettasche wandern. Manchmal waren es gleich zwei oder drei.

Manchmal gab es Zeiten, wo sich vieles um ihn herum veränderte, neue Anforderungen wurden an ihn gestellt, die ihm manchmal Angst machten, wo er nicht wusste, ob er es schaffen würde, mit all den Veränderungen umzugehen.

Aber er spürte die vielen kleinen Bohnen in der linken Tasche die ihm Mut machten. Und so fing er an, mit Veränderungen umzugehen und gemeinsam mit anderen nach neuen Wegen und praktikablen Lösungen zu suchen. Und für solche dicke Brocken, die es zu bewältigen gibt, steckte er sich eine große weiße Bohne von der rechten in die linke Tasche

Abends saß er zu Hause und zählte die Bohnen aus der linken Tasche. Er zelebrierte diese Minuten.

So führte er sich vor Augen, wie viel Schönes ihm an diesem Tag widerfahren war und freute sich. Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen – es hatte sich zu leben gelohnt.

Unbekannter Verfasser

Titelseite*Mit freundlicher Unterstützung des Arena Verlags.
Illustrationen von Silvio Neuendorf aus Jutta Langreuter /
Christkinds wunderbare Reise
©2009 Arena Verlag GmbH, Würzburg

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